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Reize dosieren: Warum „weniger” oft der Anfang von Stabilität ist

  • Autorenbild: Isabel Kirsch
    Isabel Kirsch
  • 7. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit
Entspannt liegender Hund im Gras mit Abstand zum Geschehen – Reize dosieren beim Hund

Stell dir zwei Spaziergänge vor. Beim ersten gehst du um 8 Uhr los, mitten in den Berufsverkehr, an der Schule vorbei, genau, als es zur ersten Stunde läutet. Beim zweiten gehst du eine halbe Stunde später, eine Straße weiter, wo es ruhiger ist. Gleicher Hund, gleiche Runde, gleiche Leine und trotzdem zwei völlig verschiedene Erfahrungen für das Nervensystem an deinem Leinenende.

Genau darum geht es beim Dosieren von Reizen. Nicht darum, deinem Hund die Welt vorzuenthalten. Sondern darum, wie viel Welt auf einmal er gerade verarbeiten kann und diese Menge bewusst zu steuern.

Im Überblicksartikel zur Reizüberflutung beim Hund So viele Reize: Überforderung beim Hund | MeMyDog&I habe ich beschrieben, wie sich Überforderung zeigt. Oft viel leiser, als wir denken. Hier gehen wir einen Schritt weiter: Was kannst du konkret tun, wenn es zu viel wird?


Dosieren heißt nicht, den Hund in Watte zu packen

Das ist das größte Missverständnis, und ich räume es gleich zu Beginn aus dem Weg. Reize zu dosieren, bedeutet nicht, deinen Hund von allem fernzuhalten. Ein Hund, der nie einem Reiz begegnet, lernt nicht, mit Reizen umzugehen. Er lernt nur, dass die Welt ausschließlich in der Blase erträglich ist.

Dosieren ist etwas anderes. Es ist der Unterschied zwischen „ins kalte Wasser werfen" und „langsam reingehen, bis es geht". Dein Hund darf und soll seiner Umwelt begegnen. Nur eben in einer Menge, bei der sein Nervensystem noch mitkommt und nicht in einer, die es überrollt.

Meine Maggie ist dafür das beste Beispiel. Als Angsthund aus dem rumänischen Tierschutz ist die volle Wiener Innenstadt  für sie keine mutige Übung, sondern eine Überforderung mit Ansage. Wir haben nicht die Stadt gestrichen. Wir haben sie portioniert.


Das Stressfass und warum es auch deins ist

Ich arbeite gern mit dem Bild vom Stressfass. Jeder Reiz, der Stress auslöst – der bellende Hund, der vorbeirasende Roller, aber auch Vorfreude oder Aufregung – füllt dieses Fass ein Stück. Ist es voll, läuft es über. Und ein überlaufendes Fass sieht selten schön aus: Da wird gebellt, gezogen, gehetzt, oder der Hund macht komplett dicht.

Das Entscheidende: Stress addiert sich. Der Reiz, der heute das Fass zum Überlaufen bringt, ist oft gar nicht der schlimmste, er ist nur der letzte auf einem Fass, das vorher schon fast voll war. Deshalb reagiert dein Hund an manchen Tagen gelassen auf etwas, das ihn an anderen Tagen völlig aus der Bahn wirft.

Dosieren heißt, dieses Fass im Blick zu behalten und es nicht bis zum Rand zu füllen. Und, das ist mir wichtig, es geht dabei nicht nur um das Fass deines Hundes. Als ich anfing, Maggies Reize bewusster zu steuern, habe ich gemerkt, dass sich auch mein eigenes Fass leerte. Plötzlich hatte ich wieder Kapazität, fürs Training, für Begegnungen, für den ganz normalen Alltag. Hundetraining findet eben nicht nur am Hund statt.


Die Stellschrauben: Distanz, Zeit, Dauer, Erholung

Das Schöne am Dosieren: Du hast mehr Regler zur Verfügung, als du denkst.



Hund beobachtet aus sicherer Distanz einen anderen Hund am Straßenrand – Reize dosieren über Abstand.

Distanz ist die stärkste Stellschraube. Fast jeder Reiz wird kleiner, je weiter du weg bist. Der andere Hund auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein anderer Reiz als der auf zwei Meter. Wenn es zu viel wird, ist mehr Abstand oft die schnellste Hilfe.


Zeit ist die unterschätzteste. Muss die Runde wirklich um 8 Uhr sein, wenn genau dann die Schule nebenan startet? Oder tut es auch halb neun, wenn die erste Welle durch ist? Oft entscheidet nicht nur die Route über einen entspannten Spaziergang, sondern die Uhrzeit.


Dauer heißt: Ein kurzer, gelungener Spaziergang ist mehr wert als ein langer, der in Überforderung kippt. Lieber zwanzig ruhige Minuten als eine Stunde, aus der ihr beide nassgeschwitzt zurückkommt.


Erholung ist der Regler, den fast alle vergessen. Nach einem reizintensiven Tag braucht das Nervensystem Zeit, um wieder runterzufahren, nicht Stunden, sondern manchmal ein, zwei ruhige Tage. Ein Ruhetag ist kein verlorener Trainingstag. Er ist Teil des Trainings.


Woran du merkst, dass es gerade zu viel ist

Du musst kein Verhalten studiert haben, um zu erkennen, wann dein Hund an seine Grenze kommt. Drei ehrliche Fragen reichen meistens:

Ist dein Hund noch ansprechbar: Reagiert er, wenn du ihn ansprichst? Atmet er ruhig, oder hechelt er angespannt? Kann er Futter annehmen, oder spuckt er es aus oder nimmt es gar nicht erst?

Dreimal Nein? Dann ist der Reiz gerade wahrscheinlich zu viel. Egal, wie harmlos er von außen wirkt. Das ist kein Versagen, deins nicht und seins nicht. Es ist eine Information. Und das Schöne an dieser Information: Du kannst sofort etwas mit ihr anfangen. Abstand vergrößern, Tempo rausnehmen, die Situation verlassen.


Kein Rückschritt, sondern Fürsorge

Ich weiß, dass sich das im ersten Moment falsch anfühlen kann. Reize zu reduzieren, einen Bogen zu machen, früher umzudrehen. Das fühlt sich manchmal an wie Aufgeben. Wie ein Schritt zurück.

Ist es aber nicht. Ein überreiztes Nervensystem lernt nicht. Stress blockiert genau die Bereiche im Gehirn, die dein Hund bräuchte, um Neues zu behalten und auf andere Situationen zu übertragen. Wenn du die Reize dosierst, nimmst du deinem Hund also nichts weg, du schaffst überhaupt erst die Bedingung, unter der Lernen möglich wird.

Was aussieht wie ein Problem, ist meistens eine Frage. Und „mein Hund kommt hier nicht klar" heißt selten „wie zwinge ich ihn da durch?", sondern „wie viel davon verträgt er gerade und wie kommen wir dahin?".

Manchmal ist weniger eben kein Rückschritt. Sondern der Anfang von Stabilität.


Wie es weitergeht

Wenn du das Gefühl hast, dass euer Alltag gerade mehr aus Übersteuerung als aus Spaziergang besteht, lass uns reden. Im kostenlosen Kennenlerngespräch Kostenloses Kennenlerngespräch - MeMyDog&Ischauen wir gemeinsam, wo bei euch die Regler stehen und welcher zuerst dran ist.


Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe zu Stress und Überforderung beim Hund. Den Überblick findest du im Hauptartikel zur Reizüberflutung So viele Reize: Überforderung beim Hund | MeMyDog&I . Im nächsten Teil schaue ich mir genauer an wie wir Erholung bewusst einbauen.

 

 
 
 

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