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So viele Reize und dein Hund mittendrin

  • Autorenbild: Isabel Kirsch
    Isabel Kirsch
  • 29. Juli
  • 4 Min. Lesezeit


Ein ganz normaler Spaziergang. Ein Auto bremst, ein Tor knallt, um die Ecke biegt ein Roller, irgendwo bellt ein Hund, und gleichzeitig kommt euch eine Volksschulklasse entgegen. Für dich: Dienstagvormittag. Für deinen Hund: fünf Dinge gleichzeitig, die alle verarbeitet werden wollen.

Für meine Hündin ist eine belebte Wiener Straße kein schöner Ausflug, sondern eine Reizlawine. Als sie zu mir kam, habe ich selbst erst lernen müssen, wofür ich heute meine Kund*innen sensibilisiere: dass „mein Hund hört einfach nicht" und „mein Hund kann gerade nicht mehr" zwei völlig verschiedene Dinge sind.


Überforderung zeigt sich oft leise

Wenn wir an einen überforderten Hund denken, stellen wir uns meist das große Drama vor: bellen, ziehen, in die Leine springen. Manchmal sieht es so aus. Viel öfter aber ist Überforderung leise.

Sie zeigt sich als eine diffuse Unruhe, die nicht zur Ruhe kommt. Als Reaktionen, die plötzlich schneller und heftiger ausfallen als sonst. Als eine Impulskontrolle, die von einer Minute auf die andere aufgebraucht scheint. Und ganz oft als das, was wir dann „stur oder frech" nennen: Signale, die zu Hause im Wohnzimmer perfekt sitzen, lösen sich draußen scheinbar in Luft auf.

Genau an dieser Stelle rutscht uns schnell ein Wort raus: Ungehorsam.

Ist es aber meistens nicht.


Was aussieht wie ein Problem, ist meistens eine Frage

Ein Hund, der im Reiztrubel nicht mehr reagiert, ist selten stur. Er ist voll. Sein Nervensystem verarbeitet gerade so viel, dass für „Sitz" oder „bei Fuß" schlicht keine Kapazität mehr übrig ist.

Deshalb ist mein wichtigster Satz auch keine Trainingsanweisung, sondern eine Haltung: Was aussieht wie ein Problem, ist meistens eine Frage. Und die Frage lautet hier: Wie viel kann dieser Hund gerade eigentlich tragen?

Nicht, weil er nicht will. Sondern weil er nicht kann.

Wenn du einmal aufhörst, das Verhalten deines Hundes als „will nicht" zu lesen, und anfängst, es als „kann gerade nicht" zu verstehen, ändert sich alles. Du hörst auf, gegen deinen Hund zu arbeiten und fängst an, ihm zu helfen.


Die gute Nachricht: Stress vermeiden ist gar nicht das Ziel

An dieser Stelle atmen viele erst mal auf und rutschen dann direkt in die nächste Falle: Wenn Reize das Problem sind, muss ich meinen Hund halt vor allen Reizen schützen. Also: leere Wege, keine Begegnungen, am besten nur noch nachts raus.

Verständlich. Aber nicht das Ziel.

Ein Leben ohne jeden Reiz ist kein gutes Leben, und ein Hund, der nie lernt, mit Aufregung umzugehen, wird bei der kleinsten Überraschung aus der Bahn geworfen. Es geht nicht darum, Stress komplett zu vermeiden. Es geht darum, ihn ernst zu nehmen und deinem Hund zu helfen, damit umzugehen. Das macht einen riesigen Unterschied, für dich und für deinen Hund.

Wie das im Alltag aussieht? Für mich sind es im Kern fünf Punkte.


Was deinem Hund wirklich hilft


1. Reize dosieren

Nicht wegsperren: dosieren. Der Unterschied ist entscheidend. Es geht nicht darum, deinen Hund in Watte zu packen, sondern darum, die Reizmenge so zu steuern, dass er noch handlungsfähig bleibt. Ein Hund, der am Bahnhof komplett dichtmacht, lernt am Bahnhof nichts, außer dass es dort schrecklich ist. Derselbe Hund, der aus sicherer Entfernung zuschaut und dabei ansprechbar bleibt, kann sich langsam an die Situation gewöhnen. Distanz, Timing und Dauer sind deine Werkzeuge.


2. Erholung bewusst einbauen

Wir unterschätzen, wie viel Schlaf und echte Ruhe ein Hund braucht und wie oft chronische Überdrehtheit schlicht ein Erschöpfungsproblem ist. Ein Hund, der dauernd „on" ist, kann nicht runterfahren, und ein Hund, der nicht runterfahren kann, verarbeitet Reize schlechter. Erholung ist kein Nichtstun, das man sich irgendwann gönnt. Sie ist ein aktiver Teil des Trainings. Manchmal ist der wirksamste „Trainingstag" ein ruhiger Tag zu Hause oder ein Spaziergang abseits von hoher Reizlage, wo dein Hund seine Bedürfnisse befriedigen kann.


3. Erwartungssicherheit schaffen

Hunde entspannen sich, wenn sie die Welt einschätzen können. Unvorhersehbarkeit ist Stress. Wenn dein Hund weiß, was gleich passiert, dass ihr an der Kreuzung immer stehen bleibt, dass Begegnungen nach einem bestimmten Muster ablaufen, dass du reagierst, bevor es zu viel wird, dann muss er nicht mehr selbst ständig auf der Hut sein. Verlässlichkeit von dir schafft Ruhe bei ihm.


4. Alternativverhalten kleinschrittig aufbauen

„Nicht bellen" ist kein Verhalten. Ein Hund kann nicht „nichts" tun. Er braucht etwas, das er stattdessen tun kann. Ein Blick zu dir, ein Umorientieren, ein Rückzug an einen sicheren Platz. Und das baut man nicht in der Extremsituation auf, sondern lange vorher, in kleinen Schritten, dort wo es leicht ist. Kleinschrittig heißt: so einfach, dass dein Hund gar nicht scheitern kann und dann erst wird es Stück für Stück schwerer.


Und über allem: Beziehung vor Training

Diese vier Punkte sind Handwerk. Sie funktionieren aber nur auf einem Fundament, und das ist eure Beziehung.

Ein Hund, der dir vertraut, der gelernt hat, dass du ihn aus schwierigen Situationen holst statt ihn hineinzustoßen, wird in Aufregung eher zu dir schauen. Nicht, weil er ein Signal abgespult hat, sondern weil du für ihn zum sicheren Bezugspunkt geworden bist. Genau deshalb kommt bei mir Beziehung immer vor Training.

Und genau deshalb findet Hundetraining auch nie nur am Hund statt. Es findet zwischen euch statt. In der Art, wie du deinen Hund liest, wie du reagierst, wie viel Sicherheit du ihm gibst. Der Hund ist selten allein die Baustelle. Ihr seid ein Team, und ihr lernt gemeinsam.


Wie es weitergeht

Jeder dieser fünf Punkte verdient eigentlich einen eigenen Beitrag und genau die schreibe ich in den kommenden Wochen. Wir schauen uns nach und nach jeden einzelnen genauer an: was dahintersteckt, wie du ihn im Alltag umsetzt und woran du merkst, dass es wirkt.

Dieser Artikel ist der Überblick. Der Rest kommt Schritt für Schritt.

So, wie gutes Training eben funktioniert.


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Weil jeder Schritt zählt. Für euch beide.


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